Lola rennt, Lili geht (Anzeige)
geschrieben von pcrespi | 2 Dez, 2011
Phase II
Für das Jahr 2012 wird zufälligerweise nicht nur der Weltuntergang angekündigt, sondern auch die Präsidentschaftswahl in Frankreich. Während Wahrsager das Ende des Planeten voraussagen und Schnäppchenjäger auf die größten Räumungsverkäufe aller Zeiten hoffen, spekulieren besonders die Sozialisten Frankreichs hellsichtig auf den Machtwechsel im Elysée-Palast. In dem residiert derzeit bekanntlich der werdende Papa Nicolas Sarkozy. Umfragewerte zur Beliebtheit müssen ihn tatsächlich in Weltuntergangsstimmung versetzen, zumindest politisch. Wenn er seine schwangere Frau in den Armen hält, wird er das kommende Wahljahr fürchten wie einst Pompeius die Rückkehr Cäsars aus Gallien. Schon gut, die blutige Dramatik eines antiken Herrscherwechsels steht uns nicht bevor und schon bald werden wir den französischen Präsidenten erleben, wie er sein Baby mit silbernem Löffel füttert.
Zuerst aber stehen die Vorwahlen in Frankreich an, die den Parteien die Möglichkeit gibt die Präsidentschaftskandidaten per Wahl bestimmen zu lassen. Der Wahlkampf der sozialistischen Partei ist jedenfalls im vollem Gange und aus diesem Anlass hatte Martine Aubry, Tochter des ehemaligen Präsidenten der Europäischen Kommission Jaques Delors, ihre Anhängerschaft ins Gymnase Japy im 11 Arrondissement von Paris eingeladen. Es ist nicht das erste Mal, dass in der Turnhalle politische Schwergewichte wie Martine Audry auftreten. Dort nahm zum Beispiel Léon Blum, Regierungschef in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, zum ersten Mal an einem sozialistischen Kongress im Jahre 1899 teil. Weitaus traurigere Tage erlebte die Halle während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis, die dort wiederholt Juden vor ihrem Abtransport in die Konzentrationslager internierten.
Davon sprach Aubry und davon, dass sie sich als Präsidentin für Demokratie und Menschenrechte einsetzen wird, für Gleichberechtigung von Männern und Frauen und für den Schutz von Minderheiten, wie beispielsweise für die Roma und Sinti Frankreichs. Von ihrem Telefongespräch mit dem griechischen Präsidenten Papandreou erzählte sie, der ihr sein Leid über die tiefen Einschnitte im griechischen Haushalt klagte und sie forderte ein Land in dem nicht Banken, sondern Erziehungs- und Sozialinstitutionen die Auszeichnung „triple A“ bekämen. Nicht nur das Kapitel des Neoliberalismus möchte sie beenden sondern auch das des amtierenden Präsidenten Frankreichs ... für sie beides Seiten einer Medaille. Von einem Ausstieg aus der Nuklearenergie sprach sie hingegen weniger deutlich, als es sich die Leute, die am Eingang Greenpeace-Flugblätter verteilten, erhofft hatten.
Dennoch stellte sie die Frage, wie es sein kann, dass in Frankreich mehr Sonnen- und Windkraft zur Verfügung steht als in Deutschland, aber dort das zehnfache an erneuerbarer Energie produziert wird. Die Antwort, falls Aubry überhaupt eine nannte, ging im Beifall der vollen Halle unter, in der sich ganz offensichtlich auch ein paar SPD Anhänger aufhielten. Vom begeisterten Beifall wurde die Kandidatin immer wieder unterbrochen, selbst als Sie erklärte, dass ein Arzt seinen Beruf verfehlt hat, wenn er nicht dort praktizieren möchte, wo die Menschen am dringendsten medizinische Hilfe brauchen. Ein Hinweis auf den in Frankreich herrschenden Ärztemangel auf dem Land und in ärmeren Vorstädten. Ob aber die Pariser wirklich glücklich wären, müsste ihr Haus- oder Facharzt das Weite suchen, mag ich bezweifeln.
Noch umgibt Martine Aubry, die sich übrigens von keinem geringerem als dem pariser Oberbürgermeister Bertrand Delanoë ankündigen ließ, ein lichter Nebel der Ungewissheit, was ihre nähere politische Zukunft betrifft. Im Gegensatz zu Dominique Strauss Kahn, der hierzulande schlicht DSK genannt wird und nach letztem Gerichtsbeschluss zwar nicht seine Unschuld, aber seine durchaus aussichtsreiche Präsidentschaftskanditatur in einem New Yorker Hotel verplemperte, sind die Würfel für die Bürgermeisterin von Lille und Vorsitzenden der Parti Socialiste noch nicht gefallen. Ob sie oder einer der fünf anderen Kanditaten, unter ihnen François Hollande und Ségolène Royal, den Rubikon überschreiten wird, entscheidet sich am kommenden 9. und 16. Oktober.
Die alljährlich stattfindende pariser Landwirtschaftsmesse ist in Frankreich ein nationales Großereignis und eine obligatorische Veranstaltung für führende Vertreter der Opposition und der Regierung. Demnach ist sie nicht nur ein großer Kuh- und Schweinestall, sondern stets auch politische Bühne ... obwohl einige behaupten, es wäre andersherum. Das Bad in der Menge im Beisein exponierten Viehzeugs, scheint den Vertretern der Macht jedenfalls gut zu gefallen. Zu gerne erinnert man sich hierzulande an das Geplänkel zwischen Nikolas Sarkozy und einem Besucher im Jahre 2008. Dieser verweigerte die hingehaltenen Hand des Staatsoberhauptes und murmelte etwas wie „Fort! Ich habe nichts mit dir zu schaffen.“ Präsi' Sarkozy konterte dem ländlich derben Ambiente der Messe angemessen mit „Zieh', Hundsfott!“ Jedoch anders als Graf Kent (richtig, der aus König Lear), forderte der Staatschef ihn auf, Leine und nicht den Degen zu ziehen. Ein wenig klang es allerdings danach.
Im Vergleich zu Deutschland besitzt der westliche Nachbar fast das Doppelte an nutzbarer Agrarlandschaft. Dies gilt es zu beackern. Ziel Frankreichs ist es, beim Export von landwirtschaftlichen Produkten wieder weltweit an erster Stelle zu stehen, um so zur Ernährung der Weltbevölkerung beitzutragen und um daran zu verdienen. Seltener von Skandalen gebeutelt als die deutsche Landwirtschaft und in Sachen Bioprodukte auf dem Vormarsch, können französische Bauern zufrieden mit ihren mehr oder weniger industrialisierten landwirtschaftlichen Produkten sein. Abgesehen davon, dass sich Fastfood in Frankreich einer großen Beliebtheit erfreut, wird auf Qualität bei der Lebensmittelproduktion großen Wert gelegt und Traditionen werden gepflegt.
Zur Traditionen des französischen Landlebens gehört zum Beispiel die archaisch anmutende Hetzjagd mit Hund auf Hirsch, auch wenn der Blitzschlag ausbleibt. Dies wird wohl auch vorerst so bleiben. Ausgerechnet der frühere britische Premierminister Tony Blair kam den Befürwortern der Hetzjagd in einer Sendung des Privatsenders Canal+ zu Hilfe. In sehr gutem Französisch bereute er das Ende der Fuchsjagd, wahrscheinlich weil es ihm beim Stimmenfang im Königreich zur politischen Falle wurde. Französischen Politkern musste dies wie eine Warnung in den Ohren klingen. Die Ohren und der Rest des gejagten Wildes landen indes nicht auf dem Teller der Häscher, sondern werden von der Hundemeute zerfleischt und verschlungen. So uncivilized, würde Obi Wan Kenobi sagen. Nebenbei sei erwähnt, dass in Deutschland die sogenannte Parforcejagd (mit Gewalt, yeah) ausgerechnet von den Nationalsozialisten 1934 verboten wurde. Gleichzeitig trieben Sie geplante Hetze und Greueltaten auf die Spitze vorher nicht dagewesener Unmenschlichkeit. Tony Blairs Zustimmung zum Irakkrieg nun in einen kausalen Zusammenhang mit dem Verbot der Fuchsjagd zu stellen, würde trotz alledem nicht mehr als zum Schüren hässlicher Gerüchte ausreichen.
Ebenfalls ist in Frankreich die Liebe zu Pferdefleisch Tradition. Die Hippophagie, die hiesige Bezeichnung für Pferdefleischverzehr und -verarbeitung, fand in den 50er und 60er Jahren des 20sten Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Verstärkt gingen die Klepper bereits seit der französischen Revolution durch den Wolf. Damals rollten die Köpfe der Aristokraten und deren Rösser wanderten in die Kochtöpfe des hungrigen Volkes. Es hatte Wut im Bauch und wollte Sauerbraten auf dem Tisch. Anscheindend wurde Pferdefleisch dennoch irgendwann knapp, denn bekanntlich sind weitere Gaumenfreuden der französischen Küche Weinbergschnecken und Froschschenkel. Wie die Stopfleberpastete gehören zum kulinarischen Vermächtnis Frankreichs und damit zum immateriellen Weltkulturerbe, wie die UNESCO im Jahre 2010 entschied. Heute ist der Verzehr von Pferdefleisch in Frankreich anteilig gering, auch wenn sich noch vielerorts Pferdemetzgereien finden lassen.
Die Vegetarier in Frankreich dürfen sich derweil mit einem fleischlosen Crêpe begnügen, bekanntermaßen ein weitere Spezialität im Hexagone. Nicht nur in Paris gibt es ihn an vielen Straßenecken heiß auf die Hand. Die gastronomisch anspruchsvollere Schwester des Crêpe ist der Krampouezenn oder Galette Bretonne. Wie der Name verrät, kommt sie aus der Bretagne, und wird mit einem gekühltem Cidre serviert. Traditionelle bretonische Creperien gibt es auch in Paris, aber wer vorzügliche vegetarische Gerichte zu akzeptablen Preisen in der französischen Hauptstadt sucht, der wird im Saveurs Végét'Halles fündig. Gänzlich unfranzösisch, aber dennoch für Vegetarier zu empfehlen, ist das chinesische Restaurant Tien Hiang im 11 Arrondissement. Chinesischen Tofu für eigenen Bedarf kauft man hingegen in der Rue Rampal Nummer 4. Mit Zeit kommt Rat, kommt Bohnenquark.