Ciao Paris

geschrieben von pcrespi | 5 Mai, 2014

Auch dreizehn Jahre sind irgendwann einmal vorbei. Dreizehn Jahre in einer Stadt, die mir heute wie keine zweite vertraut ist, in der ich mich auskenne, ohne jeden Stein zu kennen. Eine Stadt voll Elend, aber auch voll Zuversicht. Zurückblickend bleibt in meinen Erinnerungen fast mehr als mir lieb ist. Viel Schönes, aber nicht nur Gutes. Das glückliche Gefühl herausgekommen zu sein vermischt sich mit dem Bedauern sie verlassen zu haben. Und sonst? Das Diplom und den Koffer, mit dem ich damals angereist bin, sind noch weniger wert als bei meiner Ankunft. Lebenserfahrung? Natürlich habe ich diesbezüglich dazugewonnen. Dies in Worte zu fassen, wird mir kaum gelingen.


Das Gefühl in Paris zu Hause zu sein, kam immer auf, wenn ich nach Reisen über den Platz Léon Blum schritt, um im nah gelegenen Supermarkt einzukaufen oder beim Chinesen für 5€10 zu Abend zu essen. Das vermisse ich, wie die Fahrradtouren mit meinem blau-gelben Rennrad im Brie. Die schäbige, überteure Wohnung, in der ich über 10 Jahre gewohnt habe, fehlt mir derweil weniger, war sie doch nicht mehr als ein Heim mit Blick über die Dächer von Paris. Natürlich hing ich an der Bude. Ich habe sogar noch ein paar Wochen vor meinem Auszug den Fensterkit erneuert, nachdem meine Vermieterin jahrelang behauptete, es wäre Sache des Mieters, während ich jahrelang erwiderte, es wäre Sache des Vermieters. Schlimmer fand ich ihre offensichtliche Sympathie mir dem Front National, die sie wie viele eingebürgerte Franzosen mit den „ Français de couche“, den Stammfranzosen teilt.


Paris verfolgt mich bis heute. Nicht in meinen Träumen, sondern bei der Abwicklung meiner administrativen Existenz in Frankreich. Da wäre zum Beispiel mein inzwischen geschlossenes Börsenkonto, auf das mir der Zugang verwehrt wurde, da ich meine Telefonnummer geändert hatte. So konnte ich keinen temporären Zugangscode für das Onlinebanking bekommen. Die Sicherheitsabfrage beim Kundendienst schlug ebenfalls fehl, denn ich hatte angeblich bei allen Fragen (Welches ist Ihr Lieblingsfilm? Wie hieß ihr erstes Haustier? Was denken Sie nach einer durchzechten Nacht beim Blick in den Spiegel usw.) die gleiche Antwort angegeben. Wie ich später feststellte, war die Antwort auf alle Fragen nicht 42, sondern "Frankenstein". 

Auf Anraten schickte ich der Bank eine Telefonrechnung eines Bekannten. Das reichte jedoch nicht aus, denn er hätte noch schriftlich erklären müssen, dass er mit dem Empfang einer an mich gesendeten SMS einverstanden sei. Wen aber fragt man gerne um eine Einverständniserklärung zum Empfang einer Textnachricht? Als auch die Schließung des Kontos abgelehnt wurde – schließlich waren meine Aktien noch nicht verkauft – drückte ich am Telefon meinen Unmut aus und siehe, plötzlich hatten die Sicherheitsabfragen mit meinem Bankkonto zu tun und nicht mit irgendwelchen Fragmenten meiner Vorlieben bzw. Vergangenheit. Endlich konnte ich meine neue Telefonnummer angeben, nur die SMS mit dem Zugangscode erreichte mich trotzdem nicht. Ein erneuter Anruf beim Kundenservice löste das Problem überraschend schnell und ich bekam den Code per Voicemail zugeschickt.


Ähnliches erlebte ich mit der Sozialversicherungskasse, der Rentenversicherung und dem Finanzamt. Auch der Nachsendeauftrag der französischen Post konnte nicht aktiviert werden, weil keins der beiden zugesandten elektronischen Passwörter richtig war. Nur meine frühere Bank, die Caisse d'Epargne, vermochte mich aufzuheitern. Letztes Jahr hatte sie mir aufgrund des Verdachtes auf Geldwäsche noch das Konto geschlossen (siehe "Banken ohne Kundschaft"). Nun schickten Sie mir eine Kostenabrechung für das Finanzamt mit dem Hinweis, ein Anruf bei ihnen würde 999,99 Euro pro Minute kosten. Die Bank scheint im Alleingang durch Telefongebühren die Finanzkrise bewältigen zu wollen.

Im Großen und Ganzen ist das Kapitel Paris jedenfalls für mich abgeschlossen und mit diesem Eintrag endet auch dieser Blog aus Frankreichs Hauptstadt. Geschrieben habe ich ihn hauptsächlich für mich, was offensichtlich nicht ausreichte um meine formlose, fragmentarische Vorstellung von der Welt durch willkürliche Ideenassoziationen zu vervollständigen, aus denen sich für meine Leser gefährliche Suggestionen ergeben ... wie Proust es mir eigentlich vorausgesagt hatte. Ich muss mich in seinen Voraussagen getäuscht haben, obwohl er schon zu Lebzeiten Frauen beschrieb, deren Prinzipien so unveränderlich sind, wie ihr Haarschnitt, ohne Frau Merkel jemals begegnet zu sein. Dies aber wie immer nur nebenbei. Dank an diejenigen, die sich auf diese Seiten verirrt und mehr als eine Zeile gelesen haben.


Banken ohne Kundschaft

geschrieben von pcrespi | 2 Mai, 2013

 Vor kurzem las ich, dass Ernest Hemingway während seiner Zeit in Paris zum Pferderennen ging, was sich für ihn zu lohnen schien, denn er erhöhte seine Gewinnchancen dadurch, dass er am Verhalten der Tiere erkannte, ob sie unter Psychotonika standen oder nicht. Meine Strategie beim Pferderennen ist es hingegen, dem Stadionsprecher vor dem Rennen einfach gut zuzuhören, denn der gibt gelegentlich bekannt, welcher der Jockeys als Favorit an den Start geht. Das ermöglicht mir, meinen Wetterlös zu versiebenfachen. Allerdings war ich erst einmal beim Galopp im Hippodrome de Longchamp und habe bei der Gelegenheit lediglich fünf Euro investiert.  

   Im Gegensatz zu Hemingway, der sich nebenbei gesagt für arm hielt, obwohl er die eine oder andere Skisaison in den österreichischen Alpen verbrachte, übt das Setzen auf  kleine, buntgecheckte Berufsrennreiter, die mit ihren Peitschen auf Pferdeärsche eindreschen, keinen besonderen Reiz aus. Heutzutage bieten sich effektivere Möglichkeiten, Geld zu verspielen. Wozu gibt es zum Beispiel die Börse, der ich bequem von zu Hause aus die Dukaten in den Rachen pulvern kann, indem ich erwartungsvoll auf das Steigen sanierungsbedürftiger Solarstromtechnologiekonzernaktien spekuliere?    


 Voraussetzung dafür ist natürlich, sich ein Zuhause, ein Bankkonto, einen Computer und einen Internetanschluss leisten zu können. Angesichts der Lebenshaltungskosten in Paris bleibt indes nicht immer Geld für die Kapitalvernichtung übrig. Hat sich plötzlich doch etwas auf der hohen Kante angesammelt, will die Bank als Erstes wissen, woher das Geld kommt, denn es könnte ja aus Erträgen des Waffen- oder Drogenhandels oder aus Gewinnen unerlaubter Wetteinsätze stammen.    

 So bat mich das Geldinstitut meiner Wahl vor noch nicht allzu langer Zeit, die Herkunft eines größeren Betrag auf meinem Konto zu erklären, zöge er doch nach Angaben des Bankangestellten den Verdacht der Geldwäsche auf sich. Ich machte mir nicht so viele Sorgen, hatte ich mich doch vor der Einzahlung am Schalter erkundigt, ob ein größerer Betrag auf meinem Konto ebendiesen Verdacht der Geldwäsche auf sich ziehen könnte. Mir wurde gesagt, es werden mir ein paar Fragen gestellt und ich glaubte wirklich, dies würde sich im Rahmen eines freundlichen Kundengesprächs abspielen. Tatsächlich wurde ich vorgeladen und musste, so kam es mir jedenfalls vor, ein regelrechtes Verhör über mich ergehen lassen.      

 Wenige Monate danach tätigte ich eine Überweisung in die Schweiz und erhielt erneut einen Anruf meines Bankberaters. Daraufhin schrieb ich einen Brief, in dem ich klarstellte, dass die Unterstellungen der Geldwäsche absurd und nach Möglichkeit zu unterlassen seien. Als Antwort flatterte wenige Tage später die Kündigung meines Bankkontos ins Haus, was ich wahrscheinlich nur dadurch hätte verhindern können, wäre ich wie Hemingway nach Österreich oder zumindest nach Frankreich zum Skilaufen gefahren.    


  Eine weitere Möglichkeit, sein Geld aus dem Fenster zu werfen, ergibt sich übrigens, wenn einem die Haustür ins Schloss fällt, während der Schlüssel noch in der Wohnung liegt oder mit roher Gewalt im Schloss abgebrochen wird. Das kann schon einmal nach einem langen Tag oder einer langen Nacht passieren. Gerade am Wochenende geht für den angerückten Schlüsseldienst ein kleines Vermögen drauf. Allein für die Anfahrt werden in Paris schnell 75 Euro berechnet und am Abend gibt es bis zu hundertfünfzigprozentige Zuschläge. Nun lassen gerade diese Schlüsseldienste regelmäßig kleine Informationsblätter verteilen, die neben Polizei- und Notdienstnummern im Kleingedruckten über diese Kosten informieren, was ich ehrlich gesagt etwas bedaure. Wo bitte bleibt der Spaß, wenn man die Höhe seiner Verluste im Voraus kennt?   

   Wie dem auch sei, angesichts der derzeitigen europäischen Wirtschaftskrise, von der nicht zuletzt der Finanzsektor betroffen ist, sollte man annehmen, dass sich Banken heutzutage besonders um das Vertrauen ihrer Kunden bemühen. Unter vertrauensschaffenden Maßnahmen stelle ich mir jedoch etwas anderes vor, als den gebührenzahlenden Anleger unter Generalverdacht zu stellen und ihm letztendlich ohne Begründung das Konto zu sperren. Nun ja, vielleicht möchten die Banken auch nur herausfinden, ob es sich in Zukunft lohnt, gänzlich auf die störende Kundschaft zu verzichten. Mein Hemd würde ich darauf nicht verwetten.    


   Ob Hemingway als er in Paris lebte über ein Bankkonto verfügte, vermag ich im Übrigen nicht zu sagen. Es würde ohnehin nicht zu meiner Vorstellung vom Paris der zwanziger Jahre passen, dem bei andauerndem industriellen und kulturellen Fortschritt Staatsverschuldung und Weltwirtschaftskrise erst noch bevorstand. Geld, wenn man es besaß, wurde damals in einen Picasso oder in angebliches Opium investiert. Es wurde ins Restaurant, ins Café, ins Louxor und ins Wettbüro, nicht aber zur Bank getragen. So war das damals, als unsere heutige Zukunft noch in weiter Ferne lag und von der Hemingway allgemeingültig annahm, dass das Merkwürdige an Ihr die Vorstellung sei, dass man seine Zeit einmal als die gute alte Zeit bezeichnen würde.    

 Vor meiner nunmehr ehemaligen Bank sitzt des Öfteren eine Bettlerin, die mich daran erinnert wie schön es doch einst war, als ich ihr großzügig ein paar Münzen in die Hand drückte, bevor ich in den Schalterraum trat, wo freudestrahlend schon der Direktor dieser kleinen Filiale auf mich wartete und der mein Freund war und mir auch sonst recht vernünftig erschien, auch wenn er mir wie schon so oft sagte, dass die Geldzählmaschine des Bankautomaten aufs Neue defekt sei. Darüber lachten wir ausgiebig, gingen dann in ein naheliegendes Bistro, eines der besten der Stadt, in dem man ohne sich zu ruinieren eine herrlich deftige Fischsuppe, obendrein einen ausgesprochen guten Weißwein bekam und ganz wunderbar über die alten Tage plaudern konnte … von früher, als man annahm am richtigen Ort noch Mensch sein zu dürfen.


Plüschiger Herbsttag

geschrieben von pcrespi | 12 Okt, 2012

Wenn sich der Regen nieselnd auf die Stadt verteilt, ich müde und ziellos durch die Gassen und Straßen von Paris wandere, vielmehr streune, macht sich ein Gefühl in mir breit, wie es Rilke einst im Gedicht Herbsttag so schön in Verse fasste. Ich bin nicht nur allein, sondern werde es auch lange bleiben. Ähnlich mag sich eine junge Frau aus dem fernen Singapur an einem solchen verregneten Tag im Oktober vorkommen. Blätter treiben im Rinnsal, kleben am Bordstein und sie schaut suchend, versucht sich zu orientieren in einer Stadt, die ihr fremd und überwältigend erscheint. Das verrät sie mir, nachdem ich frage, woher sie kommt, wohin sie geht und als ihr Blick meinem weisenden Arm folgt, erfasse ich die gefälligen Züge ihres Gesichtes. Also begleite ich sie ein Stück, behaupte ich hätte den selben Weg und als sie meint, sie finde sich nun allein zurecht, höre ich mich sagen, dass es mich freut ihre Bekanntschaft gemacht zu haben und biege an der nächsten Ecke ab. Ich verschwinde aus ihrem, wie sie aus meinem Blick, aber sie will nicht aus meinen Gedanken. Ich versuche mich zur Umkehr zu zwingen, will ihr meine Karte geben, nach ihrer Telefonnummer fragen, mich am liebsten für den morgigen Tag verabreden und doch bewege ich mich festen Schrittes von ihr fort und denke schließlich: Lass es sein.         


Paris ist die Stadt der Liebe, wie es heißt, und obwohl der Wonnemonat Mai für sich in Anspruch nimmt, dem Liebesgott Amor die meiste Arbeit zu verschaffen, vergessen wir manchmal, dass es sehr wohl auch Tage im September oder Oktober gibt, an denen er sich mehr oder weniger erfolgreich an uns übt. Dann jagt er denen einen Liebespfeil ins Herz, die im Herbst und Winter weder wachen oder lesen, noch lange Briefe schreiben wollen. Nicht immer trifft sein Schuss und ich bin nicht alleiniger Zeuge seiner schmerzhaften Streif- und Durchschüsse. So erzählte mir unlängst eine junge Französin, sie hätte ein Rendezvous mit einem Amerikaner und als ich sie eine Woche später erneut traf, da war er zurück in die Staaten geflogen und sie meinte sie würde Zeit brauchen, um nicht mehr an ihn zu denken. Dass sie ihn vergessen wollte, lag wohl an seiner Freundin, die er meiner Bekannten gegenüber unerwähnt ließ, sie es aber dennoch von ihrer Freundin per SMS erfuhr. Das hielt sie keinesfalls davon ab, ihn in ihre Wohnung einzuladen und als sie mir sagte, seiner Treue wegen wäre es zu keinem Techtelmechtel gekommen, war ich nicht sicher ob ich mir Sorgen um diese jungen Leute machen oder mich vor ihnen in Ehrfurcht verneigen müsse. Dann ertappte ich mich auch noch bei dem Gedanken, ich dürfe mich nicht mehr jung fühlen wie sie und wunderte mich, wo die Zeit geblieben war, als wir sangen, was zur Hölle wir trinkend in L.A. tun, mit 26 oder je nachdem wie alt bzw. jung wir uns damals fühlten.


Kollateralschaden der Liebelei war übrigens ein aus Ottawa stammender Bekannter von ihr, der sich höchst unflexibel zeigte, als sie ihm den Amerikaner in Paris vorstellte. Der Kanadier offenbarte ihr seine Gefühle, indem er erbost das Weite suchte und damit die Freundschaft, von der er offensichtlich mehr als gelegentliche Treffen erwartete, aufkündigte. Den war sie jedenfalls los. Der Mitbewohner einer mir bekannten Amerikanerin gibt da so schnell nicht auf. Sie erzählte mir von seinem Wunsch, sich wenigstens in ihr abgestandenes Badewasser legen zu dürfen, wenn sie schon ein gemeinsames Bad ablehne. Ist ja klar, der Mann spielt in seiner eigenen Liga. Eine französische Briefreundin teilte mir hingegen mit, dass sie einer Internetbekanntschaft schon nach wenigen Verabredungen in einer Mail darüber aufklärte, dass sie sich mehr als eine Freundschaft mit ihm nicht vorstellen könne: "Zum Typen aus dem Internet habe ich geschrieben, dass ich nicht davon überzeugt bin, dass wir uns gegenseitig glücklich machen könnten, wenn wir eine Beziehung hätten und dass ich lieber Freunde bleiben möchte, weil er sehr sympathisch ist. Er hat geantwortet, dass er den gleichen Eindruck hätte und theoretisch sehen wir uns morgen wieder. Bloß hat er mir immer noch nicht gesagt, wann und wo..." Wenig scheint in diesen Tagen zur Vollendung zu drängen und dennoch überlege ich, inzwischen auf dem Heimweg, wie es mir mit Zufalls Hilfe gelingen könnte, die attraktive Frau aus Singapur wiederzusehen, komme aber zu dem Schluss, dass es aussichtslos ist. Dabei fällt mir der verlassene Stoffesel ein, den ich an einem herbstlichen Regentag auf einer Bank sitzen sah und fotografierte. Ein solches Plüschtier rührt kein menschlicher Trennungsschmerz und doch zeugt es, vergeblich wartend und patschnass, recht angemessen davon. Auf dass uns der Herbst noch ein paar südlichere Tage schenkt.