Ali Woudchouhinegomme ruhe in Frieden
geschrieben von pcrespi | 16 Mär, 2010
Phase II
Noch ist es ein Weilchen hin bis die documenta 13 im Jahre 2012 Liebhaber moderner Kunst aus aller Welt nach Kassel lockt. Ansonsten ist diese Stadt auf der Weltbühne nicht gerade ein Publikumsmagnet und es kann kein Zufall sein, dass die Gebrüder Grimm hier die erste Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen verfassten, einschließlich der Mär vom Dornröschen. Allerdings möchte ich auf einen ganz anderen Ort aufmerksam machen, der 2005 aus einem Dornröschenschlaf geweckt wurde; zumindest was zeitgenössische Kunst betrifft. Die Rede ist von Vitry-sur-Seine, wo vor eben vier Jahren das Musée d'art contemporain du Val-de-Marne eröffnet wurde. Sicher, es gibt das Centre Pompidou und das Palais Tokio in Paris. Warum sich also die Mühe machen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln während 45 Minuten Fahrzeit 185 Gramm CO2 zu verbraten? Weil es sich einfach lohnt, die 4000 m2 Ausstellungsfläche zu durchwandern. Ein paar Stunden sollte man sich also Zeit für den Besuch, sowie für An-, und Abreise nehmen. Ich empfehle übrigens die Linie 7 bis Metrostation Villejuif und den Bus 180 oder 172 bis zur Haltestelle des Museums.
Ähnlich wie in Kassel lässt sich streiten, ob solcherart geballte künstlerische Ausdruckskraft zum erreichten oder ersehnten Wohlstand der Trabantenstädte gehört. Ist ein solches Museum ein Experimentierkasten aus dem Labor der Urbanisten, eine kulturelle Oase im Grau und Einerlei der Außenbezirke von Paris oder ist es Spiegel des modernen und facettenreichen Zusammenlebens in den Banlieus? Für mich war es Gelegenheit einen kalten, aber sonnigen Herbsttag für einen Ausflug zu nutzen und die ausgestellten Kunstwerke auf mich wirken zu lassen. Durch die Ausstellung begleitete mich eine (unter Abgabe eines Ausweises kostenlose und) sehr gelungene Audioführung. Mit einem Augenzwinkern verteidigt sie einerseits das eventuelle Unverständnis der Besucher und erzeugt anderseits ein Verständnis für die Installationen. Unter diesem Einfluss betrachte ich zum Beispiel die Schöpfung des kanadischen Künstlers Michel de Broin mit dem Namen Transestérification (Umesterung). Es geht dabei um einen chemischen Prozess, der es ermöglicht abgesaugtes Menschenfett in Alkohol und Natronlauge zu überführen und als Dieselkraftstoff zu verwenden ... so in etwa. Angesichts der unerwarteten praktischen Anwendung die dieses Werk offenbart, traf es mich wie ein Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch. Ich hoffe, es war kein einmaliges Erlebnis. Schließlich ist ein Museumsbesuch stets Form von Austausch und Kommunikation, die zu einer persönlichen Beziehung führt, welche den Besuchern durchaus ein Stück eigener Identität abringen kann. Mein Ausweis liegt jedenfalls nach wie vor an der Garderobe im Karteikasten neben den Audioguides.
Joggen in der Großstadt Paris ist das Allerletzte. Ob in Berlin, London oder Paris. Bei ständigem Verkehr ohne Rußfilterverordnung, rennt man über harten Asphalt durch die Häuserschluchten in ständiger Besorgnis, nicht in den nächsten weichen Hundehaufen zu treten. An jeder Ampel ist ein Zwangsstopp einzulegen. Ein Jammer. Wirklich? Ganz so schlimm ist es nicht. Nun möchte ich niemanden auffordern rote Fußgängerampeln zu ignorieren, wie in Paris üblich (siehe Im Doppelten Sinne) oder behaupten ein Lauf durch die Stadt wäre mit einem Waldlauf über federnde Böden und in frischer, mit Nadelholzduft durchsetzter Luft zu vergleichen. Dennoch bietet die Stadt für Joggerinnen und Jogger ziemlich viel stressfreien Auslauf. Die Bürgersteige sind relativ breit und warum nicht das eine oder andere Arrondissement im Laufschritt entdecken. In Paris geht inzwischen auch per Google Streetview, hat allerdings einen unweit geringeren Trainingseffekt als Dauerlauf. Wer auf Autoverkehr, aber nicht auf Sightseeing verzichten möchte, läuft auf der für die Paris Plages gesperrten Uferstraßen der Seine entlang. Ganzjährig sind sonntags die Uferstrassen beidseitig der Seine gesperrt und somit stehen zwischen Eiffelturm und der National Bibliothek François Mitterand 7 km Strecke im Herzen der Stadt zur Verfügung.
Heute geht das 13. Festival "Onze bouge" zu Ende. Wie der Titel des Festivals bereits andeutet, ist das der Stadtteil Elf in Bewegung und fordert gleichzeitig seine Bewohner und deren Freunde auf, den Hintern hochzukriegen, um die zahlreichen Veranstaltungen an Musik, Theater, Tanz, Humor oder Straßenkunst zu besuchen. Schließlich ist "on se bouge", geflügeltes Wort, um sich und andere auf Trab zu bringen, als Motto in den Titel eingestrickt. Alle Darbietungen können Dank Stadtverwaltung und einigen Sponsoren kostenfrei angeboten werden, ich empfehle dennoch, sich das übersichtliche Programm für 2 € zu besorgen. Um sich einen Platz zu sichern, sollten die Gratistickets am besten schon am Vortag der Aufführung vom Stand auf dem Rathausplatzes des Elften abgeholt werden. Auf diesem findet übrigens stets ein Konzert mit verschiedenen Interpreten am letzten Samstag des Festivals statt. Dabei waren zum Beispiel die Gruppe Courir les Rues (siehe Foto), die diesmal ihren eigenen kraft- und humorvollen französischen Chanson zum besten gaben.
Sehr gut gefallen hat mir dieses Jahr vor allem Khalid K, der mit seiner Stimme, Mikrofon und elektronischem Aufnahmegerät einen Geräusch- und Rhythmusbrunnen kreiert, der phonetische Geschichten aus der ganzen Welt speit. Gefördert werden mit dem Festival vor allem junge Talente. Somit schafft es während acht Tagen einen Komplizität zwischen einer neuen Generation an Kulturschaffenden und den Bewohner des elften Arrondissement, egal ob jung oder alt, mit großem oder kleinen Geldbeutel. Das Stadtteilkulturfest findet jährlich im Juni statt. Selbstverständlich werden auch in anderen Stadtteilen von Paris ähnliche Events organisiert, die der Stadt besonders in den Monaten Juni und Juli ihren besonderen Flair verleihen.
Hier einige Beispiele:
20. bis 21 Juni - Fête de la Musique im ganzen Stadtgebiet und der Ile de France
20. bis 28. Juni - Festival des arts vivants im 20. Arrondissement
21. Juni bis 14 Juli - Festival Soir d'été im 3. Arrondissement
28. Juni bis 12. Juli - Musique et Jardins im 18. Arrondissements
3. bis 5 Juli - Tanzfestival Tobina im 10. Arrondissement
4. Juli - Tropischer Karneval vom Platz der Republik bis zum Platz der Nation