Das öffnet jedem Fenster Tür und Tor

geschrieben von pcrespi | 15 Mär, 2012
Obwohl Paris meines Wissens schon seit langem kein bevorzugtes Refugium für Avantgardekünstler mehr ist, lässt sich Kunst und Künstlertisches an fast jeder Straßenecken der Stadt erleben. Natürlich spreche ich von Streetart, welche als Kunst zu bezeichnen so manchem Hausbesitzer der Stadt die Zornesröte flammender Empörung ins Gesicht treiben dürfte. Die Stadtverwaltung stellt sich der Herausforderung und unter der Subdomain www.paris.fr/graffiti ist zu lesen, dass ein speziell für die Aufgabe engagiertes Privatunternehmen jedes Jahr Graffiti auf einer Gesamtfläche von 190.000 m² entfernt. Das entspricht in etwa der gefühlten Wohnfläche beim Saubermachen, ungefähr eine halbe Stunde vor Eintreffen des Bewährungshelfers. Ob jedenfalls bei der Fassadenwäsche nach ästhetischen Gesichtspunkten vorgegangen wird, ist eher unwahrscheinlich und nicht selten unnötig. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. So manches, zur nächtlichen Stunde auf schlichte Häuserwand gebrachtes Werk, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Lichtblick im tristen Einerlei großstädtischer Stein- oder Betonmauern. Mehr noch … in einer Stadt, in der der Kunstbetrieb weitgehend durch Museen und Kunstgalerien kommerzialisiert und Freiflächen, besonders in Metrostationen zum transportieren von Werbebotschaften herhalten müssen, sind Arbeiten von Space Invaders, Banksy oder M. Chat visuelle Stolpersteine, die manchen Stadtbewohnern zumindest kurzzeitig und kostenlos daran erinnern, dass Kunst keine Unterwerfung, sondern Eroberung ist, wie André einmal treffend bretonte. Es versteht sich, dass es sich in diesem Fall um eine meist zweidimensionale Eroberung städtischen Terrains handelt. Von mir aus auch Rückeroberung.

Zugegeben, Paris zeigt sich durchaus wohlwollend gegenüber Sprayern, die mehr oder weniger freiwillig den Schritt aus der Anonymität geschafft haben, sofern ihr Schaffen einem gewissen Anspruch entspricht und zu vermarkten ist. An vielen Orten lassen sich verputzte Wände oder Mauern finden, die ganz offensichtlich mit Genehmigung oder sogar im Auftrag der zuständigen Behörde verschönert wurden. Kunst verwirkt schließlich nicht ihr Recht auf Anerkennung, sobald sie ihren kreativen Urhebern ein Einkommen sichert. Allen gefallen muss Kunst trotzdem nicht; ohnehin würde sie mit Wahrscheinlichkeit an einem solchen Konsens scheitern. So werden Graffiti und ihre artverwandten Formen auch weiterhin als bildhaft erzählerischer Kontrast im Stadtbild auftauchen. Dazu zähle ich übrigens auch das urbane Phänomen der an Elektroleitungen baumelnden Turnschuhe, die inzwischen ebenfalls in Paris gesichtet werden. Das massenhafte Anbringen von nagelneuen Bügelschlössern an Brückengeländern (zum Beispiel an der Pont des Arts) halte ich hingegen nicht für einen künstlerischen, sondern künstlichen und ebenso unromantischen Versuch, gelebte Liebe symbolhaft an die Kette zu legen. Wenn ich mich schon nicht über Gekrakel an Häuserwänden entrüsten kann, dann darüber. Es braucht ja nicht gleich ein an einem Stein befestigtes Kätzchen sein, das man in der Seine ersäuft, um sich durch das erstorbene Flehen und Mauzen am Grunde des Flusses ewige Zuneigung ins Gedächtnis zu rufen. Muss es aber unbedingt so etwas emotionsloses wie der versenkte Schüssel eines Vorhängeschlosses sein? Überhaupt, wo kämen wir hin, wenn das alle täten. Ca ouvre la porte à toutes les fenetres, wie ein Bekannter von mir zu sagen pflegt. Bevor ich es vergesse, auf der Seite www.paris-streetart.com, finden sich jede Menge Beispiele angesprochener Straßenkunst.


Lola rennt, Lili geht (Anzeige)

geschrieben von pcrespi | 2 Dez, 2011
Hat man das Glück sich während der Vorweihnachtszeit oder über die Feiertage eine Auszeit zu gönnen, bietet sich die französische Hauptstadt als ideales Reiseziel an, um dem heimischen Trubel zu entfliehen. Schließlich verfügt Paris in dieser Jahreszeit über einen besonderen Reiz, auch wenn man unter Umständen einen verregneten Herbsttag in Kauf nehmen muss. Der wird genutzt, indem man entsprechend angezogen an der Seine spazieren geht und es sich danach in einem Café gemütlich macht, wie zum Beispiel in der Caféotheque in der Rue de l'Hôtel de Ville Nummer 52. Wem es an Kunst und Bildung gelegen ist, geht in eine der vielen Ausstellungen, die Besucher aus aller Welt anlocken. Sehenswert sind beispielsweise die Werke von Matisse, Cézanne und Picasso im Grand Palais oder die Ausstellung Expressionismus & Expressionismi in der Pinacothèque. Übrigens erfreuen sich Weihnachtsmärkte in und um Paris immer größerer Beliebtheit, wie beispielsweise auf dem Champs Elysées, am Trocadero, in La Defense oder in St. Germain de Près.

Am schnellsten und am günstigsten kommt man mit einem Billigflieger nach Paris. Das ist jedoch kein Grund wie eine Bescheuerte ins nächste Reisebüro zu laufen. Lola rennt ist ja so etwas von 1998. Heutzutage heißt es nämlich nicht Lola rennt sondern Lili geht und auf der Seite Liligo.com können Sie sich bequem die günstigsten Flugtickets zu Flugzielen in die ganze Welt sichern … vom Flughafen Don Mueang in Bangkok (siehe Foto) derzeit einmal abgesehen. Die Suchmaschine vergleicht für Sie Angebote von mehr als 80 Reiseseiten, einschließlich für Hotels und Mietwagen. Sie gewinnen Zeit und das gesparte Geld können Sie als umweltbewusster Reisender in einen CO2 Ausgleich investieren. Selbstverständlich können Sie es ebenso in einer der sündhaft teuren Boutiquen von Paris verprassen. Wie? Das ist Ihnen zu langweilig? Dann fliegen Sie von mir aus nach New York und bestaunen Sie den Christbaum vor dem Rockefeller Center, aber denken Sie daran: A gentleman will walk but never run.

Martine im Nebel des Ungewissen

geschrieben von pcrespi | 7 Okt, 2011

Für das Jahr 2012 wird zufälligerweise nicht nur der Weltuntergang angekündigt, sondern auch die Präsidentschaftswahl in Frankreich. Während Wahrsager das Ende des Planeten voraussagen und Schnäppchenjäger auf die größten Räumungsverkäufe aller Zeiten hoffen, spekulieren besonders die Sozialisten Frankreichs hellsichtig auf den Machtwechsel im Elysée-Palast. In dem residiert derzeit bekanntlich der werdende Papa Nicolas Sarkozy. Umfragewerte zur Beliebtheit müssen ihn tatsächlich in Weltuntergangsstimmung versetzen, zumindest politisch. Wenn er seine schwangere Frau in den Armen hält, wird er das kommende Wahljahr fürchten wie einst Pompeius die Rückkehr Cäsars aus Gallien. Schon gut, die blutige Dramatik eines antiken Herrscherwechsels steht uns nicht bevor und schon bald werden wir den französischen Präsidenten erleben, wie er sein Baby mit silbernem Löffel füttert.

Zuerst aber stehen die Vorwahlen in Frankreich an, die den Parteien die Möglichkeit gibt die Präsidentschaftskandidaten per Wahl bestimmen zu lassen. Der Wahlkampf der sozialistischen Partei ist jedenfalls im vollem Gange und aus diesem Anlass hatte Martine Aubry, Tochter des ehemaligen Präsidenten der Europäischen Kommission Jaques Delors, ihre Anhängerschaft ins Gymnase Japy im 11 Arrondissement von Paris eingeladen. Es ist nicht das erste Mal, dass in der Turnhalle politische Schwergewichte wie Martine Audry auftreten. Dort nahm zum Beispiel Léon Blum, Regierungschef in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, zum ersten Mal an einem sozialistischen Kongress im Jahre 1899 teil. Weitaus traurigere Tage erlebte die Halle während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis, die dort wiederholt Juden vor ihrem Abtransport in die Konzentrationslager internierten.

Davon sprach Aubry und davon, dass sie sich als Präsidentin für Demokratie und Menschenrechte einsetzen wird, für Gleichberechtigung von Männern und Frauen und für den Schutz von Minderheiten, wie beispielsweise für die Roma und Sinti Frankreichs. Von ihrem Telefongespräch mit dem griechischen Präsidenten Papandreou erzählte sie, der ihr sein Leid über die tiefen Einschnitte im griechischen Haushalt klagte und sie forderte ein Land in dem nicht Banken, sondern Erziehungs- und Sozialinstitutionen die Auszeichnung „triple A“ bekämen. Nicht nur das Kapitel des Neoliberalismus möchte sie beenden sondern auch das des amtierenden Präsidenten Frankreichs ... für sie sind beides zwei Hänge des selben Berges. Von einem Ausstieg aus der Nuklearenergie sprach sie hingegen weniger deutlich, als es sich die Leute, die am Eingang Greenpeace-Flugblätter verteilten, erhofft hatten.

Dennoch stellte sie die Frage, wie es sein kann, dass in Frankreich mehr Sonnen- und Windkraft zur Verfügung steht als in Deutschland, aber dort das zehnfache an erneuerbarer Energie produziert wird. Die Antwort, falls Aubry überhaupt eine nannte, ging im Beifall der vollen Halle unter, in der sich übrigens auch ein paar SPD Anhänger aufhielten. Vom begeisterten Beifall wurde die Kandidatin immer wieder unterbrochen, selbst als Sie erklärte, dass ein Arzt seinen Beruf verfehlt hat, wenn er nicht dort praktizieren möchte, wo die Menschen am dringendsten medizinische Hilfe brauchen. Ein Hinweis auf den in Frankreich herrschenden Ärztemangel auf dem Land und in ärmeren Vorstädten. Ob aber die Pariser wirklich glücklich wären, müsste ihr Haus- oder Facharzt das Weite suchen, mag ich bezweifeln.

Noch umgibt Martine Aubry, die sich übrigens von keinem geringerem als dem pariser Oberbürgermeister Bertrand Delanoë ankündigen ließ, ein lichter Nebel der Ungewissheit, was ihre nähere politische Zukunft betrifft. Im Gegensatz zu Dominique Strauss Kahn, der hierzulande schlicht DSK genannt wird und nach letztem Gerichtsbeschluss zwar nicht seine Unschuld, aber seine durchaus aussichtsreiche Präsidentschaftskanditatur in einem New Yorker Hotel verplemperte, sind die Würfel für die Bürgermeisterin von Lille und Vorsitzenden der Parti Socialiste noch nicht gefallen. Ob sie oder einer der fünf anderen Kanditaten, unter ihnen François Hollande und Ségolène Royal, den Rubikon überschreiten wird, entscheidet sich am kommenden 9. und 16. Oktober.